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Vom Muschelsammler zum Perltaucher
 
 
Pascal Koller
 
 

Jedes Kind ist ein Same, der zu einer uns noch nicht bekannten Pflanze heran wächst. Wir wissen nicht, wie die Pflanze aussehen wird, welche Früchte sie mal tragen wird. Es wäre eine Schande, alle Pflanzen so zu behandeln, wie wenn wir wüssten, dass alles Feigenbäume werden. Wir geben ihnen allen den Nährboden, den Feigenbäume brauchen, giessen sie so wie wir Feigenbäume giessen würden, sorgen für die Temperatur, welche Feigenbäume brauchen. Oh nein, vielfältig sind diese Bäume , Sträucher, Pflanzen, Wesen, exotische, unbekannte, noch nie Gesehene. Es ist ein Geschenk, als Beobachter voller Staunen an diesen Entfaltungen teilnehmen zu dürfen. Die Aufgabe des Beobachters ist, ein möglich gutes Wachstum zu ermöglichen. Immer wieder von Neuem wahr-nehmen, ob das Pflänzchen gedeiht, ob es den richtigen Boden hat, ob dem Boden etwas fehlt, damit es in seiner, ihm bestimmten Weise wachsen kann. Oder haben Sie schon mal eine Seerose in Kakteenerde aufgezogen?

Lehrer und Eltern sind Behüter des kostbarsten Schatzes der Welt (wenngleich viele dies nicht wissen). Dieser Schatz wird ihnen für eine bestimmte Zeit anvertraut. Mit dieser Anvertrauung (Vertrauen) ist auch eine Auf-gabe verbunden. Nämlich, die Vor-stellungen über diesen beseelten, lebenden Schatz auf-geben. Und sich mit vollster Liebe und Sorgfalt dessen Gedeihen widmen. Was mag wohl in diesen Schatztruhen (-ruhen!) glitzern und funkeln? Verschaffen wir uns gewaltsam Zugang zu dieser Kostbarkeit, geht die Truhe durch unsere Tat kaputt oder verschliesst, verkeilt und verbunkert sich, um sich vor solchem Vandalismus zu schützen. Viele wissen jedoch gar nicht um diesen Schatz und beschäftigen sich während der ganzen Obhutszeit nur mit der Truhe. Dies kann so weit gehen, bis der Schatz von sich selbst glaubt, er sei nur ein leerer Behälter. Ach ja und besonders verhängnisvoll ist es und dies ist es wirklich, dass die Behüter versuchen, diese Truhen mit wertlosem Krimskrams aufzufüllen (was ihnen leider meist auch gelingt), so dass die edlen Kostbarkeiten mit einer billigen Ramschschicht bedeckt sind. Aber lassen wir dieses Thema und seine Folgen und widmen noch ein paar Zeilen den anderen (wenigen) Behütern. Diese wissen. In ihrer Gegenwart wird es auch immer wieder geschehen, dass sich die Truhen durch die Geborgenheit und bedingungs-lose Liebe (Liebe ohne Bedingungen) und Zu-wendung von sich aus öffnen und die Schätze offen zu Tage liegen. Dies sind die wahrhaften Momente un-fassbaren Glückes, Seins. In solchen Momenten da-bei-sein sind für diese Behüter die grössten Geschenke.

Und das Schöne ist, jeder kann ein solcher Behüter werden (ist es eigentlich schon). Es ist not-wendig, sich des eigenen Schatzes ge-wahr, mit ihm in Verbindung zu sein. Viel braucht es nicht dazu: Eine Prise Wollen, ein wenig Mut, den Deckel der eigenen Truhe zu öffnen, ein bisschen Arbeit, um die Ramschschicht auszumisten, ein paar Blicke über den eigenen Truhenrand – e voila. Und zu guter Letzt mit der Kelle aus dem Vollen schöpfen, aus sich selbst!

(Aus: Lernen und Schule aus einer anderen Sicht, Pascal Koller, unveröffentlicht)

Dieser Text wird hier zu Ehren der mir unbekannten Lunile veröffentlicht.

 

 

 

 

Pascal Koller                       www.mondfeuer.ch