home

 

 

 

 
Die Botschaft der Bohne
 
 
Pascal Koller
 
 

Ich betrachte die Bohnen in meiner Hand. Die eine ist trocken, die andere wurde über Nacht eingelegt. Sie quellte fast auf das Doppelte ihrer ursprünglichen Grösse an. Vorsichtig halbiere ich die Grössere und sehe wie schon oft vorher einen 2blättrigen Keimling. Ich betrachte ihn. Und auf einmal enthüllt sich mir ein Geheimnis. In dieser kleinen Bohne ist jetzt schon die komplette Pflanze enthalten. Noch ganz klein und zart aber sie ist da. Von aussen nicht sichtbar. Voller Entzückung „sehe“ ich gleichzeitig die Mutterpflanze, den Samen mit dem Keimling und die Pflanze, die daraus wird. Ein Wunder. Ergriffen staune ich weiter.

Ein Keimling fängt an zu wachsen, sobald er die richtige Nahrung bekommt. Wasser, Erde, Licht. Lange kann der Same in seinem Ruhestadium harren, hat er die richtige Umgebung, wächst er.

Und die richtige Umgebung ist die, in der er wachsen kann. Niemand braucht ihm zu sagen, wie er zu wachsen hat, wann welches Blatt spriessen muss. Jeder dieser Samen weisst eine andere Musterung auf. Die Pflänzchen wachsen verschieden schnell und verschieden artig. Und doch wächst jedes seinem Rhythmus folgend. Wie einfältig wäre es, von diesen zarten Wesen zu verlangen, dass alle genau zur gleichen Zeit die erste Wurzel in dem gleichen Winkel in die Erde schiessen lassen, zur gleichen Zeit das erste Blatt hervorbringen. Wie töricht der Glaube, das Wachstum oder die Geschwindigkeit sei irgendwie beeinflussbar, ohne dass dieses Pflänzchen Schaden nehmen würde. Durch Ziehen am obersten Ende wächst es nicht schneller, durch Schütteln nicht. Ja, durch Entzug des Lichtes sehr wohl, da es danach strebt. Aber was ist das Resultat, ein zerbrechliches bleiches Geschöpf.

Ja, es gibt viele Theorien, wie man am Pflänzchen ziehen kann, damit es in die richtige Richtung wächst. Alle sind sie unnütz und nur eine Kompensation für die armseligen Gärtner, die das Vertrauen verloren haben, dass das Pflänzchen von sich aus in die richtige Richtung in der richtigen, ihm eigenen Art und Geschwindigkeit wächst. Das einzige, was der wahrhafte Gärtner für das Pflänzchen tun kann ist, ihm, die für sein Wachstum bestmöglichste Umgebung zu schaffen. Und versteh mich nicht falsch, damit meine ich nicht, den Samen am Anfang an einem sonnigen Plätzchen in die Erde zu stecken, diese nässen und das Pflänzchen dann sich selbst überlassen. Nein, der wahrhafte Gärtner begleitet wachsam mit seiner vollen Aufmerksamkeit sein Wachstum und seine Regungen. Er hat keine Vorstellungen wie das Pflänzchen in der nächsten Zeit zu wachsen hat und setzt auch keine vermeintliche Förderung in einem Plan fest, nach dem er sich dann richtet. Nein, danach richtet er sich nicht. Er lässt sich im jetzigen Moment ganz auf das Pflänzchen ein und erspürt, was zu tun angesagt ist und tut dies.

(Aus: Lernen und Schule aus einer anderen Sicht, Pascal Koller, unveröffentlicht )

 

 

 

 

Pascal Koller                       www.mondfeuer.ch